Was soll man sich kaufen wenn die Liebe für alte englische Geländewagen erloschen ist und jetzt irgendwas ganz anderes, aber bitte trotzdem altes, die Lücke in der Garage ausfüllen soll? Wie wäre es mit einem luftgekühlten Heckmotor Volkswagen aus den 1970ern? Aber kein Käfer oder Typ 3, die sind uns zu klein und unbequem. Ein Bulli aka Typ 2 ist schon eher im richtigen Format. Nun bleibt noch die Frage ob Pritschenwagen mit Einzel- oder Doppelkabine, Kastenwagen, Fensterbus oder doch ein Camper?
Jede einzelne Karosserieform bietet spezielle Vor- und Nachteile. In unserem Fall wird ein praktisches Transportmittel gesucht. Viele Fahrgäste sind eigentlich nie an Bord und Fenster nach hinten sind kein Must-have. Ein festes Dach ist wichtiger als ein offener Laderaum mit unbegrenztem Platz nach oben und zur Seite. Im Laderaum eines Lieferwagen kann man im Zweifelsfall auch mal eine Nacht schlafen, wohingegen ein voll ausgebauter Camper wenig bis gar keinen Stauraum für irgendwelche Transportaufgaben. Dann muss jetzt nur noch ein geeignetes Exemplar gefunden und besichtigt werden.
Nach etwas längerer Suche und Abwägung fand sich bei einem Gebrauchtwagenhändler der sich auf alte VWs spezialisiert hat ein potenziell passender Bulli. Baujahr 1974, Reimport aus Italien, originaler unrestaurierter Zustand mit Patina am Blech und Lack. Aber dafür mit wenig Kilometer auf der Uhr und einem Zustand im Innenraum und Unterboden der diese Zahl halbwegs glaubhaft erscheinen lässt. Der wichtigste Pluspunkt für diesen speziellen T2: er hat zwei Schiebetüren, normal ist nur eine und diese Sonderausstattung war damals ziemlich ungewöhnlich. Der Preis könnte ganz attraktiv sein wenn die Fotos nicht zu viel versprochen haben. Also machen wir uns auf den Weg, ganz stilecht in einem anderen Bulli. Ebenfalls ein Lieferwagen mit Dreiersitzbank - der T6 mit Turbodiesel soll für die Langstrecke weiterhin erhalten bleiben.
Da am Tag der Besichtigung erstmal starker Regen angesagt ist schauen wir uns den VW zunächst auf der Hebebühne an, solange noch alles trocken ist. Sonst kann man hinterher schlecht sagen ob der Motor oder die Ankerbleche nass vom Regen oder von irgendwelchen Undichtigkeiten sind. Und im Regen testen wir dann ob die alten Gummis an Türen und Scheiben noch ihrer Aufgabe gerecht werden können. Soweit sind wir jetzt aber noch gar nicht. Erst kommt der Bulli auf die Hebebühne. Uns interessiert ganz besonders wie gut oder schlecht die Substanz noch ist. Ein weiteres Karosseriebauprojekt können und wollen wir zum aktuellen Zeitpunkt einfach nicht anfangen. Aber so wie das Blech an diesem T2 aussieht müssen wir das auch gar nicht.
An der einen oder anderen Stelle ist zwar deutlicher Kantenrost zu sehen, aber nichts großflächig oder gar soweit angefressen dass es ausgeschnitten und ersetzt werden müsste. Natürlich ist uns bewusst das so ein guter Zustand unbedingt und unverzüglich konserviert werden muss damit aus dem nahezu-rostfreien Auto nicht nach vier Wochen alltagsbetrieb und Herbstwetter ein einziger Rosthaufen wird. Der Motor und das Getriebe sehen für VW Verhältnisse auch verdammt dicht und trocken aus. Ob da in den letzten 50 Jahren schon mal großartig dran gearbeitet wurde kann leider niemand mit Sicherheit sagen. Dem Laderaum sieht man sein Leben als Nutzfahrzeug um so deutlicher an, aber das könnte man auch selbst in Ordnung bringen. Ein bisschen Farbe auf den verbeulten Fußboden und die Seitenwände, dann geht das erstmal wieder.
Vorne in der Fahrerkabine ist aktuell nur der aufgerissene Beifahrersitz ein wirklicher optischer Makel. Das hätte auch noch deutlich schlimmer aussehen können und wäre trotzdem noch besser gewesen als so manch anderes Verkaufsinserat das wir gesehen haben. Etwas Patina und Spuren des Leben sind gar nicht so schlimm. Für uns jedenfalls muss es kein top-restauriertes Neufahrzeug werden. Schließlich muss der Bulli in Zukunft auch noch ein bisschen arbeiten für seine Rente und dabei soll die Panik vor irgendwelchen Macken nicht zu groß sein. Ob das mit dem äußeren Zustand so kompatibel ist können wir noch nicht einschätzen.
Im großen und ganzen sieht der Lack noch gut erhalten aus, aber auf dem hinteren Teil vom Dach sieht man (vermutlich von einem Dachgepäckträger und der damit verbundenen Benutzung) große Rostflatschen. Die sind nicht bloß Patina oder ein optischer Makel sondern schon so gravierend dass sie mittelfristig durchrosten und das H-Kennzeichen gefährden können. Im Zweifelsfall wäre das Dach am besten komplett neu zu Lackieren damit es keinen Flickenteppich aus neuem und altem Lack gibt. Im Frontbereich und um die Windschutzscheibe gibt es ebenfalls kleine Rostpickel die sich bei schlechter Pflege und Witterung ziemlich schnell ausbreiten können. Darum müssen alle diese Schönheitsreparaturen unbedingt direkt am Anfang erledigt werden. Die Frage ist nur wer macht das und was kostet es?
Bevor es um diese Details geht kommt jetzt erstmal die Probefahrt. Mit 1600 Kubik im Heck und wenig Gewicht auf den Achsen kommt dieser T2 für sein Alter ganz gut nach Vorne. Natürlich nur bis zu einer moderaten Höchstgeschwindigkeit, aber für schnelles Reisen gibt es ja noch den T6 Turbodiesel. Die Lenkung und Schaltung sind für Bulli-Verhältnisse echt noch ziemlich direkt und nicht ausgeleiert. Das haben wir in der Vergangenheit auch schon ganz anders erleben dürfen. Nur den Reifen und Bremsen merkt man die lange Standzeit bzw. das Alter um so deutlicher an. Für eine erfolgreiche Hauptuntersuchung (und Vollabnahme) muss hier definitiv noch ein bisschen nachgebessert werden.
Alle diese Punkte werden bei der abschließenden Preisverhandlung mit dem Händler natürlich zur Sprache gebracht. Letztendlich läuft es auf ein (nicht ganz günstiges) Komplettpaket hinaus bei dem am Ende hoffentlich ein haltbarer Kompromiss aus Patina und Konservierung herauskommt. Die Dellen in den Türen und Seitenteilen wollen wir auf jeden Fall entfernen. Das sind einfach nur noch Kampfspuren und nichts was diesem Bulli besonderen Charakter verleihen wird. Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden wie weit der Bogen gespannt wird und wie viel originale Optik erhalten bleiben soll oder auch nicht. Aber restaurieren kann man ein Auto immer wieder - Originalzustand gibt es nur einmal.
Insofern war es keine schöne Überraschung als der Anruf aus der Lackiererei kam dass es nicht möglich ist den Farbton so zu treffen dass eine Teillackierung nur an den betroffenen Regionen ausreichend und optisch akzeptabel wäre. Also entweder hinterher eine bunte Kuh fahren oder doch die komplette Karosserie einmal überlackieren. Wie soll man sich da entscheiden? Das Ergebnis sieht man auf den letzten Fotos: es wurde eine komplette Neulackierung gemacht. Das schmerzt natürlich den Orinalitätsfetischisten, aber diesen Zustand zu pflegen und zu erhalten ist langfristig deutlich einfacher. Der Unterboden ist komplett Eisgestrahlt und anschließend neu versiegelt worden, damit sollte das Thema Rost wohl langfristig erledigt sein.
Solange das Wetter noch halbwegs gut ist wird der Bulli jetzt im Alltag ein paar Kilometer sammeln und dabei hoffentlich nicht zu viele neue Überraschungen und Kinderkrankheiten offenbaren. Wir bleiben gespannt und werden darüber berichten. Bis dahin wünschen wir viel Spaß und allzeit gute Fahrt.










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