Wie schnell sind eigentlich 30 Jahre rum? Gefühlt hat der Vectra gestern erst seinen ersten Meter auf den Straßen von Ostwestfalen gemacht und jetzt zählt er schon als Oldtimer. Dabei fing die Gesichte dieses Opel (Spitzname: die heilige Kuh) gar nicht in Rüsselsheim oder Bochum statt sondern ausgerechnet in England. Genauer gesagt in Luton, dort befindet sich das Vauxhall Motors Ltd. Werk. Wir können nicht sagen wie viele Linkslenker für den Exportmarkt 1994 dort vom Fließband gerollt sind. Seien wir einfach froh das dieser Wagen das Steuer auf der richtigen Seite eingebaut bekommen hat.
Genau so gut hätte er in Antwerpen, Eisenach oder Izmir zusammengebaut werden können. Der General Motors Konzern war damals sehr umtriebig was Produktionsstandorte von ein und demselben Auto anbelangt. Jedenfalls gelangte genau dieser Vectra zu einem mittlerweile leider geschlossenen Autos wo er auf ein ortsansässiges Handwerksunternehmen angeschafft und nur durch die Frau vom Chef genutzt wurde. Das heißt er musste nicht auf der Baustelle buckeln sondern in erster Linie gut aussehen. Das dürfte auch die relativ gute Ausstattung und die besondere Lackierung erklären: Neptuntürkis Metallic.
Die ersten drei Jahre und rund 35000km lief der Wagen so durch den Alltag bis er wieder auf dem Hof des Opel Händlers stand und ein neues Zuhause suchte. Warum er schon so schnell wieder weg musste können wir auch nicht sagen. Aber genau zu dieser Zeit hatte eine Dame im gesetzten Alter die Schnauze voll davon nur mit größter Anstrengung den damals noch fast Neuen Opel Omega ihres verstorbenen Ehemanns aus der Garage zu bugsieren. Ein bisschen kleiner wäre doch feiner. So fand sich ein gutes Angebot und der Omega wurde gegen den Vectra eingetauscht. Offiziell kostete der Vectra damals gut 8000 D-Mark, somit blieb von der Inzahlungnahme des Omega noch ein bisschen Geld übrig.
Und als guter Verkäufer legte das Autohaus noch ein Paar Lammfell-Schonbezüge für die Vordersitze mit drauf. Diese sorgten in Verbindung seltener Benutzung und dauerhaftem Garagenparkplatz dafür dass der Vectra weitestgehend makellos die folgenden Jahre überstand. Zwar nicht mehr regelmäßig Scheckheftgepflegt aber dafür immer sauber. Als der Enkelsohn (Nikograf) dann endlich mit 18 Jahren den Führerschein erhielt wurde die heilige Kuh, unter strengster Aufsicht versteht sich, wieder häufiger aus ihrem Stall gelassen. So betrug der Kilometerstand 2006 irgendwas um die 48000km. In den folgenden Jahren sollten es deutlich mehr werden. Egal ob beim Einkauf, auf dem Weg zur Uni oder im Urlaub.
Von groben Kratzern, Rost oder Dellen war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu sehen. Der einzige gravierende Zwischenfall war direkt auf der ersten längeren Autobahnfahrt im Urlaub an der Ostsee als sich der linke Hinterreifen frühzeitig in den Ruhestand verabschiedete. Im selben Urlaub ging auch noch eine Radkappe verloren. Das gab zuhause ein richtiges Donnerwetter. Wir sind doch nicht im Libanon wo man mit nackten Stahlfelgen herumfährt. Bloß passenden Ersatz zu finden ist leichter gesagt als getan. Für die folgenden Jahre sollte das ein dauerhaftes Problem bleiben bis sich eine bessere Lösung fand.

Das der Vectra kein Alltagsauto sein soll und wird, ist allen Familienmitgliedern stets bewusst gewesen. So lange die anderen Vehikel zuverlässig laufen bleibt das auch so, irgendwie kommen trotzdem einige Kilometer zusammen, im Jahr 2010 steht der Zähler bei 82000km - die der Opel ohne zu Meckern, aber mit Anstrengung überwindet (bei 71PS merkt man jeden Beifahrer und jedes Kilogramm im Kofferraum). Trotzdem müssen regelmäßig Reparaturen am Vectra gemacht werden. Tatsächlich ziemlich häufig an der Ventildeckeldichtung vom Motor die noch aus Kork besteht und ungefähr die Lebenserwartung einer Wurststulle im Tigerkäfig hat. Ansonsten die üblichen Probleme eines Autos das wenig gefahren wird; leere Batterien und durchrostende Abgasanlage. Echt kein großes Hindernis wenn man überlegt wie viele Autos aus dieser Zeit noch heute unterwegs sind - und wie gut oder schlecht die meisten davon aussehen.
Berufsbedingt folgte eine längere Phase des Laternenparkens in Wuppertal im Sommer und Winter. Das trieb den Rost am Unterboden langsam aber beständig voran. Trotz alljährlicher Unterbodenwäsche und Konservierung mit Sprühwachs und Fett. Aber ohne diese Maßnahmen wäre es vermutlich schon viel schlimmer geworden. Positiv zu bemerken ist dabei der echt günstige Verbrauch auf Langstrecke. Und endlich weniger Kaltstarts und Kondenswasser im Auspuff. Das fördert die Lebensdauer dieser Teile. Ein paar neue Querlenker und Stoßdämpfer mussten zwischendurch trotzdem mal sein. Hier schieben wir den Defekt ganz klar auf das Alter und nicht die Laufleistung. Irgendwann sind selbst die besten Lammfellbezüge durchgescheuert. Im Jahr 2015 standen dann 100.000km auf der Uhr. Das war ein echter Meilenstein. Der inoffizielle Rekordträger im SZK Fuhrpark erreichte diesen Wert nach 5 Jahren.
In den letzten 15 Jahren können wir uns an eine einzige Hauptuntersuchung erinnern die der Vectra nicht auf Anhieb bestanden hat. Das liegt vielleicht an der geringen Nutzung und soliden Konstruktion oder weil wir vorab die üblichen Schwachstellen kontrollieren. Also Handbremse nachstellen, Motor sauber machen und Auspuff mit GunGum abdichten. Neben den üblichen Wartungen, Putzaktionen und Reparaturen gab es auch noch ein paar Modifikationen. Entweder um den Alltagsnutzen zu steigern oder weil wir es uns schon immer gewünscht haben. Eine der sinnvollsten Umbauten war ganz sicher die Anhängekupplung. Auch mit nur 71 zornigen Pferden unter der Motorhaube kann man einen Anhänger ziehen. (Unser weißer Fiesta schafft es auch mit 50 irgendwie) So zieht der Vectra jetzt deutlich häufiger als zunächst vermutet mit einem Anhängsel durch die Landschaft. Das schützt auch gleichzeitig den Innenraum vor übermäßiger Verschmutzung.
Die nächste größere Modifikation, wenn auch geschätzt 12 Jahre zu spät als das es einem Fahranfänger noch nützlich sein konnte, war der Umbau auf ein Kombiinstrument mit Drehzahlmesser. Einfach nur weil wir der Meinung waren dass dieser Vectra ein bisschen mehr Ausstattung verdient hätte als nur das Schiebedach, Zentralverriegelung, Kassettenradio und die Außentemperaturanzeige. Dank des Baukastensystem von Opel war es möglich den originalen Tacho auszubauen und in das KI eines Opel Astra einzupflanzen. So stimmt der Kilometerstand immer noch haargenau, nur wissen wir jetzt genau wie weit der 1.6l Motor noch getrieben werden kann. Nicht das uns das Aggregat irgendwann um die Ohren fliegt.
Eigentlich machen wir uns um den Motor wirklich die wenigsten Sorgen. Dafür musste mittlerweile der Dachhimmel in Eigenleistung neu bespannt werden da er in großen Teilen durchhing, davon berichten wir demnächst noch ausführlicher. Und als wenn das nicht schon genug Arbeit wäre, muss auch irgendwo Wasser in den Innenraum eindringen. Nicht nur beim Besuch der Waschanlage sondern auch schon wenn es ganz normal regnet. Zunächst dachten wir noch an extreme Kondenswasserbildung aufgrund der langen Standzeit und dem feuchten Klima unter der Plane mit der die Kuh nach möglichkeit zugedeckt wird, seit dem die Garage als Baustofflager umfunktioniert werden musste. Offensichtlich ist das nicht der Fall. Auch nach intensiver Fehlersuche ließ sich die Quelle nie genau finden. Entweder ist es der Tankstutzen oder die Scheibenrahmendichtungen.
Ersatzteile dafür zu kriegen ist so gut wie unmöglich. Darum muss wohl oder übel etwas gebastelt werden. Und wenn irgendwann doch noch der Lottogewinn ins Haus kommt, gibt es auch eine (teilweise) Neulackierung. Die Kotflügel und Stoßstangen haben in den letzten Jahren dann doch ein paar Kratzer bis aufs blanke Metall abbekommen und das ist uns ein echter Dorn im Auge. Realistisch wäre das auch das einzige echte Hindernis wenn wir jemals auf die Idee kommen würden eine Oldtimerzulassung für diesen Opel anzustreben. Aber das wird niemals passieren da der Wagen 1.noch die aller ersten DIN-Kennzeichen seit der Erstzulassung 1994 trägt und 2. die Steuerersparnis bei einem 1.6l Motor mit Euro2 gar nicht so gravierend hoch wäre das es die Kosten fürs §23 Gutachten (inkl. neuer Hauptuntersuchung ca.350€) und die Ummeldung wert wäre.
So oder so bekommt die Kuh einen frischen Ölwechsel und demnächst neue Querlenker (innerhalb von 133.000km schon das zweite Paar) für die Vorderachse. Und selbstverständlich neues Rostschutzwachs für den Unterboden damit die Karosserie auch die nächsten 30 Jahre überlebt. Je nachdem wie sich die Zukunft für die beiden Passeratis entwickelt ist die Kuh irgendwann das letzte überlebende Gründungsmitglied der SZK Familie. In diesem Sinne. Alles gute zum Geburtstag und halte durch!









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