Am späten Montagnachmittag: Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag fährt der Nikograf mit dem Normalpassat nach Hause und parkt wie gewohnt vorne in der Hofeinfahrt zum Grundstück. Jetzt können ihn alle Mal gerne haben. Die Arbeit war anstrengend genug und morgen ist ein neuer Tag. Erst Mal Kraft tanken und sich für den nächsten Arbeitstag ausruhen. Doch auch am nächsten Tag, hängt der Montag noch nach. Der Nikograf kommt nicht so recht in die Puschen und ist spät dran. Knapp in der Zeit, setzt er sich in den Normalpassat, schnallt sich an, steckt den Zündschlüssel ins Schloss und dreht ihn um. Kurz springt der Motor an, geht jedoch sofort wieder aus. Immer und immer wieder aus. Was soll das nun wieder? Ein verspäteter Montag? Liegt das an der Zeitumstellung? Nun ist guter Rat teuer. Wie soll er nun noch rechtzeitig zur Arbeit in die Nachbarstadt kommen? Wie gut, dass der Vectra A noch halbwegs einsatzfähig ist und in wenigen Handgriffen einsatzbereit sein kann. Ein kurzer Anruf auf der Arbeit und die ersten Sorgen sind genommen. Ein Kollege springt derweil ein, bis er erintrifft. Schnell den Vectra einsatzfähig machen und es kann los gehen. Die Fehlersuche muss bis zum Nachmittag warten. Doch während des ganzen Arbeitstages hängen die Gedanken fest: Woran kann es dieses Mal liegen?
Am Dienstag nach der Arbeit wieder zuhause angekommen, wird sofort ein neuer Startversuch am Normalpassat unternommen. Diesmal etwas aufmerksamer als am Morgen, da nun der Druck zur Verspätung nicht mehr besteht. Der Motor startet makellos, jedoch geht er nach nicht mal einer Sekunde wieder aus. Selbst das Gasgeben und -halten bringen nichts. Zwar reagiert die Drehzahl auf das Gasgeben, dennoch geht der Motor zielstrebig aus. Für ein Absterben des Motors scheint es viel zu geordnet zuzugehen. Auch Zündaussetzer hätten andere Symptome zu Tage befördert. Es erscheint viel mehr, als würde der Motor gezielt wieder ausgeschaltet. Bereits 2018 hatten wir im Normalpassat bereits ein ähnliches Problem, als das Relais für das Motorsteuergerät und die Einspritzdüsen aufgrund der hohen Temperaturen Aussetzer hatte. Sicherlich hätte damals auch das Nachlöten der Kontakte auf der Relais-Platine ausgereicht, dennoch entschieden wir uns für den Ersatz und die Neuanschaffung eines neuen Relais. Aber sollte das neue Relais nach nur 8 Jahren inzwischen wieder defekt sein? Wohl kaum.
Alles deutet viel mehr auf die Wegfahrsperre hin. Hierbei erinnerten wir uns an den Spezialpassat. Der Spezialpassatfahrer hat bereits vor etwa 15 Jahren eine Funkfernbedienung nachgerüstet und musste dafür auch den Originalschlüssel auf ein Klappschlüsselmodell umbauen. Bei den ersten Umbauversuchen lag der umgebaute Transponder-Chip für die Wegfahrsperre noch nicht richtig im neuen Schlüsselgehäuse, so dass die Wegfahrsperre diese nicht erkennen konnte. Das Ergebnis? Der Wagen startete kurz, wurde aber sofort wieder ausgeschaltet. Genau diese Symptome konnten wir jetzt wieder beobachten. Liegt also beim Normalpassat ein Problem bei der Wegfahrsperre vor?
Wir nahmen den Tester und fragten das Wegfahrsperrenmodul nach gespeicherten Fehlern ab. Schnell wurden wir fündig. Im Fehlerspeicher war der Fehler "Lesespule" hinterlegt. Da die Lesespule für die Wegfahrsperre jedoch im eigentlichen Sinn nur ein mehrfach gewickelter Draht ist, erscheint es zunächst wenig sinnvoll, die Spule auszutauschen. Hier scheint ein anderer Fehler eher wahrscheinlich, wie eine Recherche in der VW-Community ergibt.
Exkursion: Was ist eine Wegfahrsperre?
Die Wegfahrsperre soll verhindern, dass nicht autorisierte Schlüssel den Motor starten können. Hierfür ist im Motorsteuergerät der Transpondercode der zulässigen Schlüssel hinterlegt. Über eine Antenne rund um das Zündschluss wird im Startmoment der Transpondercode des Schlüssels ausgelesen und mit dem eingespeicherten Code verglichen. Wenn die Codes übereinstimmen, wird die Freigabe zum Starten des Motors erteilt. Wenn die Codes nicht übereinstimmen gibt das Motorsteuergerät keine Freigabe zum Motorstart und es zeigt sich das Fehlerbild, wie es oben geschildert wurde: Für etwa eine Sekunde scheint der Motor zu starten und zu laufen, dann jedoch unterbindet das Motorsteuergerät den Motorlauf und sperrt alle notwendigen Signale für die Zündung.
Exkursion: Wegfahrsperre der ersten Generation im Passat 35i / B4
In heutigen Fahrzeugen wird das Auslesen des Schlüsselcodes direkt vom Motorsteuergerät erledigt. Im Passat 35i ist jedoch erst ab etwa Baujahr 1994 während der laufenden Produktion des Modells eine von Siemens eingekaufte Wegfahrsperre nachträglich eingebaut worden (erste Generation), weswegen ein eigenes Auslesesteuergerät, das unterhalb des Lichtschalters im Armaturenbrett angebracht ist (oder bei den sehr frühen Modellen auch an der Lenksäule angebracht wurde), die Signale der Lesespule aufbereitet und an das Motorsteuergerät weiterleitet. Auch die übrigen VW-Modelle aus der Zeit, wie bspw. Polo, Golf und T4, wurden mit diesem System nachgerüstet. Wie in der VW-Community oft berichtet wird, gibt es hier oft Probleme mit der Wegfahrsperre der ersten Generation. Bereits während der Garantiezeiten soll es häufig zu Reklamationen gekommen sein, weswegen VW die Wegfahrsperre der ersten Generation immer Mal wieder überarbeitet und angepasst hat. Daher gibt es so hinter der ursprünglichen Ersatzteilnummer 1H0 953 254 so viele Buchstaben! Die Aktuellste Version bei Classic-Parts trägt den Buchstaben E. Hierbei hat VW konstruktiv einige Merkmale geändert. Bspw. führen die Kontakte in den Steckern der Lesespule häufig zu Problemen, da diese in der ursprünglichen Version nur reguläre Stahlkontakte sind. In späteren Versionen wurde bspw. auf Goldkontakte umgestellt, um Probleme durch Oxidationen umgehen zu können.
Alle Recherche hilft jedoch nichts, wenn wir nicht selbst auch auf den Grund gehen, warum im Fall des Normalpassats die Wegfahrsperre eine Fehlermeldung erscheint und die Lesespule als Fehler ausgemacht wird. Also schnell alle Werkzeuge für den Ausbau zusammengesucht und schon kann es losgehen. Inzwischen sind wir gottseidank aufgrund der zahlreichen Reparaturen, Modifikationen, Nachrüstungen und Versuchen beim Spezial- und Normalpassat sehr gut darin, die Fußraum- und Lenksäulenverkleidung eines Passats B4 auseinanderzubauen. In Windeseile war das erledigt und alles lag uns offen. Ein Glück hat VW damals nur PH-Schrauben verbaut. Mit einem dünnen Brieföffner hebelten wir auch im Schlitz oberhalb des Lichtschalters von der Mitte nach rechts, um den Schalter ausbauen ausbauen und Zugang zum Wegfahrsperrensteuergerätes erlangen zu können. Nun lag alles offen.
Zunächst bauen wir die Lesespule aus. Wir hebelten sie vom Zündschluss (Einfache "Schnapp"-Vorrichtung) und lösten den Stecker vom Steuergerät unterhalb des Lichtschalters. Im Anschluss maßen wir mit einem Multimeter den Widerstand. Sollte wirklich ein Defekt in der Spule vorliegen, sollte das Multimeter im Widerstandsbereich (Ohm) entweder eine O.L. (Open Line / unterbrochene Leitung) anzeigen oder deutlich erhöhte Ohm-Werte. Allerdings maßen wir immer wieder konstant den Wert von 6,5 Ohm, auch wenn wir die Leitung während der Messung bewegten. Ein normaler, niedriger Wert für eine Spule. Die eigentliche Spule scheint in Ordnung und nicht defekt zu sein. Auch die Kontakte im Anschlussstecker waren in Ordnung. Es war keine Oxidation feststellbar.
Der Fehler scheint also im Wegfahrsperrensteuergerät selbst zu suchen zu sein. Hier können wir nicht so einach mit dem Ohm-Meter messen. Aber rein optisch schien zunächst alles in Ordnung zu sein. Die Lötstellen der Steckerkontakte auf die eigentliche Platine waren vorbildlich. Ein Fehler in den Lötstellen wäre sehr plausibel gewesen, da das Steuergerät fest mit dem Armaturenbrett verbunden ist und sich jegliche Erschütterungen durch Fahrbahnunebenheiten auch auf die Platine und ihre Lötkontakte übertragen. In inzwischen bald 30,5 Jahren und über 300.000 Kilometer kommen im Normalpassat so einige Stöße zusammen, weswegen dieser Fehler nicht verwundern würde. Ein Glück haben wir auch hier Ergebnisse bei unserer Internetrecherche gehabt. Viele VW-Fahrer berichtet, dass man den Lötstellen zwar eine Alterung nicht ansähe, aber die Lötstellen trotzdem miniaturhafte Ausbrüche und Kontaktschwächen aufweisen würden. Bei den schwachen Strömen, die zur Spule übertragen werden, würden sich bereits geringe Kontaktschwierigkeiten negativ bemerkbar zeigen.
Also bauten wir auch das Steuergerät aus, was jedoch einfacher klingt als es wirklich war. Das Steuergerät ist links und rechts in Laschen mit PH-Schrauben im Armaturenbrett gesichert. Die einzige Möglichkeit an die Schrauben zu kommen, bot sich mittels einer sehr kleinen Miniatur-Ratsche mit Bit-Aufnahme durch den Schacht des Lichtschalters. Mit Gegenhalten durch die andere Hand von unten ließ sich die Ratschbewegung auch wirklich durchführen. Nach einigen Momenten des "Fummelns", war das Wegfahrsperrensteuergerät endlich losgeschraubt. Im Handumdrehen haben wir sämtliche Kontakte der Steckverbindungsleiste auf der Platine nachgelötet.
Nachdem alles wieder zusammengebaut war, unternahmen wir noch weiter Startversuche mit dem Passat, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Immer wieder startete der Normalpassat zuverlässig wie wir es von ihm gewohnt sind. Das war eine kostengünstige Reparatur. Mit etwa 3 Stunden Ausbau-, Löt-, Test- und Zusammenbauarbeiten (die Recherchearbeiten mal ausgenommen) war dies auch eine sehr zeiteffektive Reparatur. Danken möchten wir allen Passat 35i-Fahrern, die diesen Fehler so sorgfältig in den typischen Foren gepostet haben. Es erleichtert jeden Schrauberalltag, wenn man Probleme allumfänglich dokumentiert und über das Internet mit der Gemeinschaft teilt.










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